Ska María Pastora - Anbau und Anwendung von Salvia Divinorum
bei den Mazateken in Mexiko


3. Mazatekische Vorstellungswelt

Ähnlich der westlichen Taxonomie gehen die Mazateken davon aus, dass verschiedene Pflanzen in einem Verwandtschaftsverhältnis zueinander stehen. Die Zuordnung erfolgt bei den Mazateken jedoch nach anderen Kriterien, als in der westlichen Wissenschaft. In der Vorstellung der Mazateken ist Salvia divinorum das wichtigste einer bestimmten Anzahl von Minzgewächsen, die sie als Mitglieder einer Familie betrachten. Salvia divinorum bildet zusammen mit Coleus pumila das Elternpaar, wobei Salvia divinorum der weibliche Part zugesprochen wird. Zwei Formen der Buntnessel Coleus blumei werden als Kind bzw. Patenkind bezeichnet (Wasson 1962).

Salvia Divinorum trägt eine Vielzahl emischer Bezeichnungen, deren Gemeinsamkeit der Bezug auf die Jungfrau Maria ist. Die Mazateken nennen die Pflanze auf Spanisch hojas de María Pastora (Blätter von Maria der Schäferin), hierba (yerba) María (Marienkraut) oder einfach la María. Auf Mazatekisch wird sie häufig als ska María Pastora bezeichnet (Wasson 1962; Valdés et.al. 1983). Die Darstellung Marias in der Rolle einer Schäferin ist in der christlichen Tradition nicht üblich. Wasson vermutet daher eine Vermischung mit vorchristlichen Traditionen (Wasson 1962). Ein solcher Synkretismus findet sich durch die Assoziation zahlreicher Pflanzengeister mit christlichen Heiligen bestätigt. Nach der spanischen Eroberung des Landes wurden die Mazateken katholisch christianisiert, haben aber viele Elemente des alten Glaubens in ihr Konzept von Gott und den Heiligen übernommen. Die Heiligen, allen voran San Pedro, betrachten sie als die ersten Heiler, die ihr Wissen dann an die Menschen weitergaben (Valdés et.al. 1983).

Im Laufe einer mehrjährigen Ausbildung machen sich angehende Curanderos nacheinander mit verschiedenen halluzinogenen Substanzen vertraut. Am Anfang steht die wiederholte Einnahme von Salvia divinorum, deren Dosierung von mal zu mal gesteigert wird. Ist der Schüler mit diesen Erfahrungen vertraut, stellt die Wirkung der Rivea corymbosa (Ololiuqui) die nächste Stufe des Trainings dar. Beide Pflanzen unterstehen dem Schutz von Petrus (San Pedro) und der heiligen Maria. Auch die Qualität ihrer Wirkung wird von Curanderos als einander ähnlich beschrieben (Valdés et.al. 1983). Ebenso wie bei Salvia divinorum zeugt die spanische Bezeichnung der Rivea corymbosa, semilla de la Virgen (Samen der Jungfrau), von dieser Assoziation mit der heiligen Maria. Als letzte Stufe der Ausbildung zum Curandero wird die Verwendung der heiligen Pilze angesehen. Ihre Schutzheiligen sind Santa Ana und San Venanzio. Der gesamte Ausbildungsprozess erfolgt unter Aufsicht eines erfahrenen Curandero in einer Art informellem Lehrer-Schüler-Verhältnis. Das dabei erlangte Wissen gilt als vom Himmel gesandt und wird vermittelt durch die Geister der Pflanzen (Spirits), die in Form der Schutzheiligen personifiziert sind. Diese Geister ruft man an und bringt ihnen Opfer dar, um ihre Hilfe zu erbitten und für das empfangene Wissen zu danken. Der Lehrer hat dabei eher begleitende Funktion und gibt Hilfestellung bei der Interpretation der Erfahrungen. Die Botschaften der durch die Einnahme der Pflanzen ausgelösten Visionen werden als der eigentliche Lerninhalt des Trainings verstanden (Valdés et.al. 1983).

Ethnobotanik von Salvia Divinorum (Zaubersalbei, Wahrsagesalbei, Aztekensalbei) bei den Mazateken, Mexiko - Curanderos, Pflanzengeister und die Heilige Jungfrau Maria