2. Botanik und Kultivierung von Salvia Divinorum
Salvia divinorum (Epling & Jativa-M.) ist ein immergrünes Gewächs aus der Minzfamilie (Labiatae). Die mehrjährige Pflanze ist von staudenförmigem Wuchs und kann eine Höhe von bis zu 3 Metern erreichen. Charakteristische taxonomische Merkmale sind ihre dunkelgrünen, lanzettförmigen Blätter, die innen hohlen, quadratischen Stängel und die rispigen Blütenstände, welche glockenförmige Kelche von blauer bis purpurner Farbe mit weißen Kronblättern tragen (Valdes et.al. 1983; Gartz 2001: 19). Die großen, gegenständigen Blätter sitzen an den Stängelknoten und weisen eine leichte Behaarung auf.
Das natürliche Verbreitungsgebiet der Salvia divinorum ist die Sierra Mazateca im Nordosten des mexikanischen Bundesstaates Oaxaca. Salvia divinorum ist eine sehr feuchtigkeitsliebende Pflanze und benötigt schwarzen, nährstoffreichen Boden mit einem hohen Anteil an verrottendem Pflanzenmaterial für ein gesundes Wachstum. Man findet die Pflanze in der Natur daher hauptsächlich in den feuchten Schluchten von Nebel- und Regenwaldgebieten (Gartz 2001: 20; Valdes et.al. 1983). Seit den 80er Jahren wird Salvia divinorum auch außerhalb Mexikos angebaut und kann über den ethnobotanischen Fachhandel erworben werden.
Lange ist man davon ausgegangen, dass Salvia divinorum keine Samen bildet und die Vermehrung rein vegetativ stattfindet (z.B. Wasson 1962). In den letzten Jahren wurde jedoch wiederholt von erfolgreicher Samenbildung unter künstlichen Umweltbedingungen berichtet (Valdés et.al. 1987; s.a. Siebert http://www.sagewisdom.org/clones.html, 18.1.2005). Eine erfolgreiche geschlechtliche Vermehrung ist also grundsätzlich möglich. Die meisten der gewonnen Samen scheinen allerdings keine Keimfähigkeit zu besitzen oder produzieren nur sehr schwache Keimlinge, von denen nur ein sehr geringer Prozentsatz zu ausgewachsenen Pflanzen heranwächst. In natürlicher Umgebung ist eine geschlechtliche Vermehrung von Salvia divinorum bisher nicht nachgewiesen. Es gibt jedoch zumindest eine Aussage eines mazatekischen Curandero, die für diese Möglichkeit spricht (Valdés et.al. 1987). Die vegetative Verbreitung erfolgt entweder, indem die Pflanzen bei einer bestimmten Höhe umknicken und auf feuchtem Boden neue Wurzeln treiben, oder in menschlicher Kultur in Form von Stecklingen (Wasson 1962).
Man ging lange Zeit davon aus, dass es sich bei Salvia divinorum um ein reines Kultigen handelt, also nur durch den Menschen verbreitet wird (Gartz 2001: 19). Aufgrund von Aussagen seines Informanten, dem Curandero Don Alejandro, spekuliert Valdés, dass im mazatekischen Hochland und insbesondere auf dem schwer zugänglichen und mythenumwobenen Berg Cerro Rabón natürliche Populationen der Pflanze existieren könnten. Örtlichen Legenden zufolge befindet sich auf dem Gipfel des Berges ein magischer See, an dem lokale Götter, Dämonen und magische Wesen ihren Wohnsitz haben. Valdés schreibt: "[...] after observing the localities in which the Salvia grew, we believe the mint is collected in the highlands and planted in more accessible places, where it becomes naturalized. It is doubtful that the Salvia is a true cultigen." (Valdés et.al. 1987).
Die Anpflanzung erfolgt zunächst in Form von Stecklingen. Anschließend verbreitet sich die schnellwüchsige Pflanze am neuen Standort durch ihre natürliche vegetative Vermehrung rasch von selbst. Anpflanzungen von Salvia divinorum bestehen meist aus nur wenigen Pflanzen und befinden sich im Besitz eines einzelnen Curandero oder einer Familie. Sie liegen abseits der Pfade und gut versteckt (Wasson 1962; Harrison 2000), so dass sie nicht leicht entdeckt werden können. Die Mazateken gehen von einer persönlichen, spirituellen Verbindung zwischen den Pflanzen und ihrem Besitzer aus und enthüllen die Standorte Fremden nur selten, um eine negativen Einflussnahme zu verhindern. Auch die Jahrhunderte andauernde, teils grausame Verfolgung durch die spanische Kolonialregierung und die Inquisition, die in den Ritualen der Einheimischen ein Werk des Teufels sah, mag dazu beigetragen haben, dass der Besitz der Pflanzen bis in jüngste Zeit eher geheim gehalten wurde.
Die Exemplare, die Wasson zur Identifizierung an Epling und Jativa-M. schickte, musste er sich durch Einheimische bringen lassen, da es ihm nicht erlaubt war den Ort zu besuchen, an dem sie wuchsen (Wasson 1962). Bret Blosser beschreibt in seinem Artikel "Lessons in The Use of Mazatec Psychoactive Plants" die Verwüstung einer Anpflanzung seiner Informanten: "Their Salvia divinorum patch was secluded from sight among the coffee trees and limestone crags. I was amazed to see all of the Salvia plants had been chopped down and were laying in heaps. 'C' said that this was an malicious act done by others, but never clearly explained why." (Blosser 2003).