Orisha-Religion in Trinidad und Tobago - Teil 3
Afrikanisch-christlicher Synkretismus in der Karibik
Feste & Feiern im Orisha
Es gibt eine ganze Reihe von Anlässen, zu denen religiöse Feste veranstaltet werden. Auf Trinidad werden die Orishas am Namenstag der mit ihnen verbundenen Heiligen gefeiert. Außerdem werden häufig Feste von Privatleuten finanziert, die den Orishas damit für erwiesene Wohltaten danken wollen. Kleinere Feste dauern eine Nacht, größere erstrecken sich in der Regel über drei Tage.
In einem Artikel (der unter www.trinidad-tobago.net nachzulesen ist) beschreibt Regina Sankar-Øyan den Ablauf eines dreitägigen Festes in Trinidad. Zentraler Bestandteil der Festlichkeiten ist das Erneuern der Flaggen. Ebenso wie jeder Orisha einen eigenen Charakter, Vorlieben und Abneigungen hat, so werden ihm neben seinem persönlichen Symbol auch eigene Farben zugeschrieben. Zu Ehren der Orishas werden Flaggen in ihren persönlichen Farben aufgestellt und jährlich gegen neue ausgetauscht.
Ulrich Fleischmann nennt in seinem Artikel über Synkretismus in der Karibik fünf Elemente afrikanisch geprägter Religionen (Fleischmann 1991: 16), die wir unter anderem auch in der Flaggenzeremonie wiederentdecken können.
- Seinen ersten Punkt, die gegenseitige Beeinflussbarkeit von Göttern und Menschen finden wir z.B. in der Besessenheit und in der Opferpraxis wieder.
- Fleischmanns zweiter Punkt nennt einen umfangreichen Götterhimmel, dessen Mitglieder sowohl mit afrikanischen, als auch europäischen Namen benannt werden. Ein Beispiel hierfür ist der auch in der genannten Flaggenzeremonie angerufene Orisha Dakata, ein Jagdgott, der sich auch als St. Raphael manifestieren kann.
- “Eine Vermenschlichung der Götter, die vom Himmel herabsteigen und von einer Person Besitz ergreifen können, um mit ihren Gläubigen zu verhandeln“ (Fleischmann 1991), finden wir zum Beispiel in einem Vorfall am zweiten Tag der Flaggenzeremonie wieder, als der Ritualleiter ins Meer geht, und besessen vom Geist von Oshun, einer Wassergöttin, wieder zurückkehrt. Über seinen Mund spricht Oshun zu einzelnen Gläubigen, spricht Warnungen aus und flüstert persönliche Mitteilungen ins Ohr.
- Die Flaggenzeremonie, wie auch generell die meisten Orisha-Rituale können als Referenz für Fleischmanns viertes Charakteristikum dienen. Es handelt sich hierbei um „Zeremonien, in denen durch bestimmte Trommelschläge, Farben, Zeichen, Anrufungen und Gebete die Manifestierung der Götter provoziert“ (Fleischmann 1991) werden. Dies geschieht hier oft ganz selektiv, je nach dem, welchen Gott man gerade erreichen möchte.
- Als letzten Punkt nennt Fleischmann die Durchführung von Opfern, um die Götter zu beeinflussen. Im Orisha lassen sich eine ganze Reihe von Opferpraktiken beobachten. Neben dem Verbrennen von Kampfer und Libationen von Rum und Wasser sind auch Tieropfer zentraler Bestandteil dieser Praxis.
Orisha teilt also viele Gemeinsamkeiten mit seinen afroamerikanischen und karibischen Nachbarreligionen, doch darf nicht vergessen werden, dass es sich, wie ebenfalls Fleischmann anmerkt bei den afrokaribischen Religionen „um sehr komplexe Phänomeme“ handelt, „die durch ein verändertes soziales Umfeld sich rasch wandeln und aufsplittern, wobei die ‚afrikanischen’ und ‚europäischen’ Elemente ein verändertes Gewicht bekommen können“ (Fleischmann 1991). Auf eine solche Veränderung im sozialen Umfeld möchte ich abschließend noch kurz eingehen.
Aktuelle Tendenzen im Orisha
Frances Henry (Cerlac Working Papers Series, June 2001) hat in einem dreijährigen Feldforschungsaufenthalt von 1997 bis 2000 eine starke Dynamik der Veränderung innerhalb des Orisha Glaubens festgestellt. Er beobachtete vor allem ein Schwinden synkretistisch-christlicher Elemente zugunsten einer stärkeren Afrikanisierung der Rituale. Einher geht dieser Prozess mit dem Versuch, eine Infrastruktur für die traditionell dezentralen und unorganisierten Orisha-Kulte zu schaffen.
Laut Henry bemühen sich viele jüngere Gläubige und Aktivisten um eine stärkere gesellschaftliche und politische Anerkennung der Religion und können bereits in einer ganzen Anzahl entscheidender Bereiche Erfolge aufweisen: Ein Ehegesetz für den Orisha-Glauben wurde offiziell abgesegnet, öffentliche Feierlichkeiten anlässlich eines Familientages der Orisha werden sowohl von der breiten Masse der Bevölkerung, als auch von Repräsentanten der Regierung besucht, die Medien berichten immer häufiger von Orisha-Veranstaltungen und sogar in der Pop-Kultur der Calypso Musik hat Orisha ein deutlich positives Image bekommen.
Einige Quellen:
Sankar-Øyan, Regina - Beyond belief at a Orisha Yard in Trinidad –
http://www.trinidad-tobago.net/Article.aspx?PageId=55
Sankeralli, Burton - I am Orisha. –
http://www.trinidad-tobago.net/Article.aspx?PageId=56
Henry, Frances - Cerlac Working Papers Series, June 2001 - RECLAIMING AFRICAN RELIGIONS IN TRINIDAD: THE ORISHA AND SPIRITUAL BAPTIST FAITHS TODAY - http://www.yorku.ca/cerlac/papers/pdf/henry.pdf
Eine vollständige Liste der Quellen ist auf Anfrage beim Autor erhältlich.
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