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Día de los Muertos - Gäste aus dem Reich der Toten

Vom Totenfest und dem Umgang mit Leben und Tod in Mexiko

In den mexikanischen Volksbräuche zu Allerheiligen und Allerseelen haben sich die Glaubensvorstellungen der Indios und der westlichen Eroberer gegenseitig zu dem ergänzt, was heute die bunt-morbide Faszination des Día de los Muertos (Tag der Toten) ausmacht.

Skelett Mexiko, dessen nationales Selbstverständnis sich auf dem Miteinander und in gewisser Weise auch auf dem Gegeneinander unterschiedlicher Einflüsse gründet, bezeichnet sich selbst als ein Land der drei Kulturen. Die vorspanischen Indio-Gesellschaften und die europäische Kultur der kastilischen Eroberer bilden die Grundlage dessen, was nach Vorstellung der nationalen Eliten heute die Kultur des Landes ausmacht oder besser ausmachen sollte. Denn das staatlich propagierte Ideal der modernen mexikanischen Gesellschaft orientiert sich an der Vorherrschaft westlich geprägter Wertvorstellungen, was nicht bei allen Bevölkerungsteilen gleichermaßen auf Zustimmung trifft.

Vor allem in den wirtschaftlich benachteiligteren Regionen fern der großen Zentren kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Vertretern des „modernen Mexiko“ und indigenen Gruppen, deren Kultur aus Sicht der staatlichen Stellen bestenfalls einen historischen oder nostalgischen Wert hat. In einigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aber haben die Einflüsse der ehemaligen Eroberer und die der vorspanischen Gesellschaften Mexikos eine friedliche Koexistenz gefunden. Im Rahmen der Volksbräuche zu Allerheiligen und Allerseelen beispielsweise haben sich die Glaubensvorstellungen dieser beiden Facetten der mexikanischen Kultur gegenseitig zu dem ergänzt, was heute die bunt-morbide Faszination des Días de los Muertos ausmacht.

Im Laufe der Zeit haben die Bräuche zum Día de los Muertos immer wieder kleine und große Veränderungen erfahren und je nachdem in welcher Region des kulturell so vielschichtigen Landes Mexiko man sich aufhält, finden sie höchst unterschiedliche Ausprägungen. Auf jeden Fall aber ist der Día de los Muertos einer der wichtigsten Feiertage im mexikanischen Kalender.

Totenschädel aus ZuckerWie in Europa wird auch in Mexiko am ersten und zweiten November der Verstorbenen gedacht. Ein wenig erinnert es vielleicht an das amerikanische Halloween, wenn die Geschäftswelt Mitte Oktober beginnt, sich für die bevorstehenden Feiertage herauszuputzen, und die Auslagen fast überquellen von einem Allerlei bunter Skurrilitäten. Arrangements von Skeletten und Totenskulpturen unterschiedlichster Ausführungen tummeln sich da vor einem Hintergrund aus Papierblumen und Girlanden mit Todessymbolen. Das Spektrum der Darstellungen reicht von barocker Pracht über makaber, düstere Leichen bis zu grinsenden Gerippen mit bunter Bemalung. Auch die Konditoreien und Bäcker übertreffen sich gegenseitig mit immer neuen Kreationen menschlicher Schädel aus buntem Zuckerguss und Brot und Gebäck in Knochenform. Der Aufwand, der zum Día de los Muertos betrieben wird, lässt sich wohl am ehesten mit der Adventszeit des europäischen Weihnachtsfestes vergleichen. Wo die kulturellen Wurzeln des mexikanischen Totenfestes liegen, soll ein kurzer Blick in die Geschichte zeigen.

Eine kleine Geschichte des Todes

Als die kastilischen Eroberer Anfang des 16. Jahrhunderts an der mexikanischen Küste landeten und das Reich der Azteken im Handstreich eroberten, trafen zwei Kulturen aufeinander, deren Vorstellungen von Tod und Jenseits sich in vielen Belangen erstaunlich ähnlich waren. Im spätmittelalterlichen Europa war der Tod selbstverständlicher Teil des Alltagslebens und der „Sensenmann“ das allgegenwärtige Symbol für die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. La danse macabre, der Totentanz, war das verbreitetste Genre im europäischen Theater dieser Zeit. Ebenso wie in Kunst und Dichtung wurde der Tod auch im Alltagsleben nicht tabuisiert, sondern als natürlicher Übergang vom Leben auf Erden zur jenseitigen Existenz angesehen. Berichte über Geistererscheinungen und Botschaften aus dem Jenseits sind ein häufiger Bestandteil der europäischen Literatur jener Zeit.

Auch für die Azteken, die damals den größten Teil des heutigen Mexiko über ein komplexes Tributsystem beherrschten, war die Gegenwart des Todes eine Selbstverständlichkeit. Zentraler Bestandteil aztekischer Weltanschauung war die Notwendigkeit menschlichen Blutvergießens, um die weitere Existenz des Universums zu sichern. Die Götter, so glaubten die Azteken, hatten sich selbst geopfert, um die Welt und die Menschen zu erschaffen, im Gegenzug mussten Menschen geopfert werden, um das Leben der Götter zu erhalten. Die aztekischen Krieger waren Meister einer rituelle Kriegsführung, in der es nicht darum ging, den Feind zu vernichten. Ziel der Kämpfe war vielmehr, möglichst viele Kriegsgefangene nach Hause zu führen. Die besiegten Gegner fanden dann den Opfertod auf einer der Tempelpyramiden der aztekischen Städte. Zu besonders wichtigen Anlässen und in Krisenzeiten konnte die Zahl der so Geopferten in die Tausende gehen. Schlecht behandelt wurden die Gefangenen allerdings nicht, im Gegenteil, schließlich galten sie als Geschenk an die Götter und Botschafter der Menschen. Auch die Opfer selbst sollen sich nicht alle gegen ihr Los gesträubt haben, immerhin galt es als Ehre und Verdienst, sein Leben für Götter und Menschen hin zu geben.

allerseelen_mexiko_skelette.jpgAuch in der Symbolik des menschlichen Skelettes fanden die Vorstellungen der Eroberten und der europäischen Eroberer einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt. Das Mictlan, das aztekische Totenreich galt als von lebendigen Skeletten bevölkert und Mictlantecuhtli, der Herr der Toten selbst, wurde ebenfalls häufig als Skelett dargestellt. Zur selben Zeit ging in Europa der Sensenmann umher und brachte, ausgerüstet mit Stundenglas und Schlapphut, den Tod in alle Häuser. So groß die Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Schichten der europäischen Feudalreiche auch waren, vor dem Sensenmann und im Tode waren alle Menschen gleich.

Bei so vielen Anknüpfungspunkten wundert es nicht, dass die alten aztekischen Totenfeste, Tlaxo-chimaco (das Blumenopfer) und Xocotl-huetzi (das Fallen der Früchte), nach der Eroberung des Landes nicht gänzlich in Vergessenheit gerieten. Die Feierlichkeiten werden seit der Missionierung zwar nicht mehr im Juli und August begangen, wie es bei den Azteken üblich war, sondern an den christlichen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen, die aztekischen Wurzeln sind dem Fest aber auch heute noch anzumerken.

Mexiko heute: Das Totenfest als Familienereignis

Der Tod wird in Mexiko nicht als vom Leben getrennt aufgefasst, sondern wird in vielerlei Weise in das Leben integriert. Wie eng die Verbindung zwischen Lebenden und Toten ist, zeigt das Beispiel einer Überschwemmungskatastrophe, die im Herbst 1997 die Elendsviertel an den Hängen Acapulcos verwüstete. Die Ärmsten der Armen beklagten nicht an erster Stelle die schlechte Versorgung mit Hilfsgütern, sondern vor allem die fehlende Unterstützung bei der Suche nach ihren Toten. Wie sollten sie denn mit ihnen in Kontakt treten ohne zu wissen, wo sie zu finden sind. Denn der Día de los Muertos ist in erster Linie ein Familienfest, ein Familienfest zu dem nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten eingeladen sind.

Ofrenda am Día de los MuertosSo wie die Lebenden von nah und fern anreisen, müssen auch die Verstorbenen zunächst den Weg nach Hause finden. An den Eingangstüren werden Laternen aufgehängt und bis an die Gräber ausgestreute Teppiche aus Ringelblumen weisen den Toten den Weg zur Ofrenda, dem Totenaltar. Der Altar ist das Zentrum der Festlichkeiten und wird reich mit Blumen und blütenbehangenen Kreuzen dekoriert. Die Ringelblume galt einst als die Lieblingsblume der Xochiquetzal, der „Schönen Blume“, einer aztekischen Göttin der Erde und Wächterin der Gräber. Eine aus Palmblättern geflochtene Matte, wie sie auch heute noch von vielen Kulturen Mittelamerikas benutzt wird, soll den Seelen als Ruhestätte dienen, und es wird ein großer Aufwand betrieben, damit es den Verstorbenen bei ihrem Besuch an nichts fehlt. Neben einer Unmenge unterschiedlicher Speisen, alkoholischer Getränke und Zigaretten dürfen auch diverse weitere Elemente auf keinem Totenaltar fehlen. Als Erfrischung nach der langen Reise aus dem Reich der Toten wird den Seelen frisches Wasser dargeboten. Zusammen mit Blumen, Kerzen und Copal steht es für die vier Elemente und galt im regenarmen mexikanischen Hochland schon zu Zeiten der Aztekenherrschaft als heilig. Salz als reinigendes Element und Brot als Symbol der Gemeinschaft der Lebenden und der Verstorbenen sind ebenfalls fester Bestandteil der Ofrenda. Speziell zum Día de los Muertos wird ein süßes, rundes Hefebrot mit Anis gebacken, das mit allerlei bunten Todessymbolen verziert wird. Die Opfergaben fallen je nach finanzieller Lage der Familie natürlich mehr oder weniger üppig aus.

Der Friedhof am Dia de los MuertosDie Feier selbst ist im Kern zwar familiär, hat meist aber auch einen ausgeprägten gesellschaftlichen Charakter. Es gibt Feiern, an denen mehr als hundert Personen teilnehmen. Je mehr Menschen anwesend sind, desto geehrter dürfen sich die Seelen der Verstorbenen fühlen, weil sie zu Lebzeiten viele Freunde hatten. Da ihr Besuch der Welt der Lebenden den Toten natürlich auch Freude bereiten soll, wird ihre Ankunft vehement gefeiert mit üppigem Essen, Bier und Tequila im Überfluss, Musik, Tanz und Umzügen in Verkleidung. Dieses Spektakel dauert an bis Mitternacht, denn dann ist für die Verstorbenen die Zeit gekommen, ins Jenseits zurückzukehren. Die Festgesellschaften begeben sich auf die Friedhöfe, um die verstorbenen Verwandten am Familiengrab zu verabschieden – bis zum nächsten Día de los Muertos, wenn die Toten wiederkehren, um sie zu besuchen.


Alle Fotos vom mexikanischen Totenfest, abgesehen von der ersten Abbildung, wurden von Joël Fisler zur Verfügung gestellt.

Bei Tacoweb finden Sie das Rezept des traditionellen Totenbrotes “Pan de Muertos”. Die Seite www.garten-literatur.de bietet weitere Informationen über die weltweite Bedeutung von Totenblumen.

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Kommentare

[…] der umgang mit dem sterben und dem tod, finde ich in der brd seltsam. andere länder gefallen mir da lieber, wie zum beispiel mexiko (infos wikipedia und bongard.net). […]

Hallo David,

ist ja lustig, hab im Rahmen meines Ethno Studiums auch mal eine Arbeit ueber Dia de los muertos geschrieben, damals war das handgeschrieben abzugeben, lang, lang ists her, wie schnell die Zeit vergeht, ich glaub ich werd alt ;)

Konnte mir jetzt nicht alles durchlesen, finds aber wirklich toll aufgearbeitet!

Liebe Gruesse aus Indien,

Mag. Phil. Katharina :)

Guten Tag!
Ich hätte da eine Frage.
Meine Freundin und ich müssen für die Schule ein Referat über Allerheiligen halten. Dabei ist uns sehr ins Auge gestochen, dass Allerheiligen mit der Adventszeit verglichen wird. Wir wüssten gerne, wieso. Wenn Sie uns diese Frage beantworten könnten,würden wir uns sicher freuen. Wir müssen es morgen halten und würden uns suuuuuper doll freuen, wenn Sie uns noch heute eine Antwort geben könnten.
In ziemlich großer Hoffnung
Elisabeth

@Elisabeth: Tut mir leid, keine Ahnung…

Wenn es mit der Adventszeit verglichen wird, liefert dir der Vergleich ja vielleicht auch den Grund dafür? Wenn du dazu aber nix genaueres findest, dann steckt wahrscheinlich auch nicht viel dahinter und du kannst es in deinem Referat getrost unerwähnt lassen… ;-)

Ich habe gelesen, dass die Vorbereitungen für den Día de los muertos in Mexiko unseren Vorbereitungen in der Adventszeit auf das Weihnachtsfest entsprechen.
Vielleicht ging das so in die Richtung?

Allerheiligen in Mexiko - Dia de los muertos…

David Bongard beschreibt in seinem Blog die mexikanische Tradition von Dia de los muertos (Allerheiligen und Allerseelen):
Im Laufe der Zeit haben die Bräuche zum Día de los Muertos immer wieder kleine und große Veränderungen erfahren und je nachd…

Schön gemacht! Ich bin aus Mexiko, und habe vieles gelernt! Ich habe dein webpage schon an meine (deutsche) Schwiegereltern geschikt, da ich finde, es ist eine tolle Erlauterung über unsere Traditionen.
Noch ein typisches Getränk wäre die Pulque. Ich denke das ist häufiger benutzt als tequila im altares!

Schreibe eine Dissertation über kulturelle Aspekte des Sterbens.
Wäre super, wenn ich weitere Infos bekommen würde falls ihr Sterberiten aus verschiedenen Ländern kennt bzw. miterlebt habt.

Danke! 1heli1@gmx.at

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